Vom Aussterben bedroht: Das Handwerk hinter der Schweizer Denkmalpflege

Ein Steinmetz, der einen Bruchstein exakt so dreht, dass er ohne einen Tropfen Mörtel für Jahrhunderte hält. Eine Handwerkerin, die weiss, welcher Fels sich wie ein Puzzleteil in die Lücke einer jahrhundertealten Mauer fügt. Solches Wissen wird nicht in Büchern weitergegeben, sondern von Hand zu Hand – und genau das macht es so verletzlich. Was passiert, wenn niemand mehr da ist, der es lernen will?

Die Schweiz hat auf diese Frage eine offizielle Antwort: die „Liste der lebendigen Traditionen“. Ein guter Teil davon betrifft ausgerechnet jene Fertigkeiten, ohne die viele historische Bauwerke im Land längst nicht mehr stehen würden.

Was steckt hinter den „Lebendigen Traditionen“?

Als die Schweiz 2008 die UNESCO-Konvention zur Bewahrung des immateriellen Kulturerbes ratifizierte, verpflichtete sie sich auch dazu, ein Inventar dieses Erbes zu führen. Seit 2012 gibt es sie deshalb: die Liste der lebendigen Traditionen, erarbeitet vom Bundesamt für Kultur BAK zusammen mit den Kantonen. 2023 wurde sie zum zweiten Mal aktualisiert und um 29 Einträge erweitert – aktuell umfasst sie 228 Traditionen aus Musik, Brauchtum, Handwerk und dem Wissen im Umgang mit der Natur. Nicht Steine oder Gebäude stehen hier im Zentrum, sondern das Können in den Köpfen und Händen von Menschen.

Die Kunst, ohne Mörtel zu bauen

Einer der eindrücklichsten Einträge betrifft ausgerechnet eine Technik, die auf den ersten Blick simpel wirkt: Steine aufeinanderschichten, bis eine Mauer steht. Der Trockenmauerbau kommt komplett ohne Mörtel, Zement oder Kleber aus – jeder Stein muss durch sein eigenes Gewicht und die richtige Passform an genau der richtigen Stelle liegen, damit die Mauer über Jahrzehnte hält. Diese Bautechnik prägt seit Jahrhunderten das Landschaftsbild vieler Schweizer Regionen, von Rebterrassen im Wallis bis zu Weidemauern in den Voralpen. Ihre Bedeutung reicht über die Landesgrenzen hinaus: Die „Kunst des Trockenmauerns“ ist gemeinsam mit sieben weiteren Ländern sogar auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO eingetragen – einer noch höheren, internationalen Auszeichnungsstufe.


Die Stabilität einer Trockenmauer entsteht durch sorgfältige Auswahl, Bearbeitung und Platzierung der einzelnen Steine. Grössere Steine bilden das tragende Gefüge, während kleinere Steine Hohlräume ausfüllen und die Konstruktion verkeilen. Mörtel kann handwerkliche Präzision bei dieser Bauweise nicht ersetzen.

Warum dieses Wissen tatsächlich verschwinden könnte

Was auf den ersten Blick nach einem netten Kultur-Detail klingt, ist bei genauerem Hinsehen ein echtes Problem. Trockenmauern zu bauen und instand zu halten, braucht Erfahrung, die sich nur schwer in einem Wochenendkurs vermitteln lässt – und Zeit, die im heutigen Bausektor selten eingeplant wird. Es ist schlicht schneller, eine Betonmauer zu giessen oder einen Zaun aufzustellen. Genau deshalb dokumentiert das BAK ausdrücklich, dass sich verschiedene Organisationen und Handwerkspersonen aktiv dafür einsetzen, das Wissen um diese Technik zu bewahren – unter anderem über gezielte Baukurse und Zivildiensteinsätze, die neue Trockenmauern entstehen lassen und bestehende vor dem Verfall bewahren.

Was das mit Denkmalpflege zu tun hat

Der Zusammenhang zur Denkmalpflege liegt auf der Hand: Eine denkmalgeschützte Trockenmauer, eine historische Terrassierung oder ein altes Bauwerk mit traditioneller Mauertechnik lässt sich im Rahmen einer Sanierung historischer Bauten nur dann fachgerecht erhalten, wenn noch jemand lebt, der die passende Handwerkstechnik tatsächlich beherrscht. Verschwindet dieses Wissen, verschwindet mit ihm auch die Möglichkeit, ein Baudenkmal so zu restaurieren, dass es seine ursprüngliche Substanz und Optik behält. Ersatzlösungen mit modernen Materialien mögen praktisch sein – authentisch sind sie nicht und häufig auch nicht im Sinne der Denkmalpflege zulässig.


Terrassierte Weinlandschaften wie das Lavaux verdeutlichen, wie stark Mauern das Gelände, die Bewirtschaftung und das Landschaftsbild prägen. Vor einer Restaurierung muss die ursprüngliche Konstruktion genau untersucht werden: Nicht jede historische Natursteinmauer ist eine Trockenmauer, und regionale Unterschiede gehören zur schützenswerten Bausubstanz.

Wie der Bund gegensteuert

Damit lebendige Traditionen nicht bloss auf dem Papier existieren, unterstützt der Bund gezielt Projekte, welche die Trägerschaften solcher Traditionen bei der Umsetzung konkreter Bewahrungsmassnahmen begleiten. Das kann die Förderung von Ausbildungsangeboten sein, aber auch die Dokumentation von Wissen, das sonst nur mündlich weitergegeben würde. Die Kulturbotschaft des Bundes für die Jahre 2025 bis 2028 bekräftigt dieses Engagement ausdrücklich – ein Signal, dass die Bewahrung solcher Fertigkeiten kein einmaliges Projekt ist, sondern eine fortlaufende Aufgabe bleibt.

Was Eigentümer von Baudenkmälern tun können

Wer selbst ein historisches Gebäude besitzt oder saniert, kann diesem Wissen aktiv eine Bühne geben. Die kantonalen Denkmalpflege-Fachstellen kennen in der Regel Handwerksbetriebe, die traditionelle Techniken und fachgerechte Natursteinarbeiten beherrschen. Sie beraten auch dazu, welche Methode und welches Material für ein bestimmtes Bauteil infrage kommen.

Vor Beginn der Arbeiten sollte geklärt werden, ob die Mauer selbst geschützt ist, zu einer geschützten Anlage gehört oder das Erscheinungsbild einer Ortsbildschutzzone prägt. Auch die vorhandene Bauweise verdient eine genaue Untersuchung. Nicht jede historische Natursteinmauer wurde trocken gesetzt. Fugenreste, frühere Reparaturen und regionale Techniken können wichtige Hinweise geben.

Wer Interesse an der Technik selbst hat, findet über kantonale Kulturstellen oder spezialisierte Vereine mitunter praktische Kurse. Das ist ein direkter Weg, um einen kleinen Teil zum Erhalt dieses Wissens beizutragen, statt lediglich darüber zu lesen.

Video-Tipp: Die Kunst der Trockenmauer

Wie ein Trockenmauer-Team Stein für Stein ohne Mörtel arbeitet, zeigt dieser Beitrag aus der Reihe SWR Handwerkskunst.



Fazit

Denkmalpflege wird oft mit Fassaden, Fenstern und Bauvorschriften assoziiert – dabei steht und fällt sie am Ende mit etwas viel Unscheinbarerem: mit Menschen, die wissen, wie man einen Stein richtig dreht. Die Liste der lebendigen Traditionen macht sichtbar, wie eng handwerkliches Können und gebautes Erbe miteinander verwoben sind. Wer historische Bausubstanz wirklich erhalten will, muss deshalb neben den Mauern auch das Wissen jener Menschen bewahren, die sie bauen und reparieren können.

 

Bildquellen: Titelbild: Symbolbild © Ian Peter Morton/Shutterstock.com; Bild 1: Symbolbild © Zoran Pajic/Shutterstock.com; Bild 2: Lavaux, Schweiz © Marcio Cimatti/Shutterstock.com

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